Premiere beim „theater en miniature”
Puppen Menschen & Objekte. Theaterzeitschrift VDP. 2000/1 Nr.:82
Ein junges Ehepaar mit einem Kind, Ellen Heese, seit 15 Jahren Puppenspielerin in Kassel, und Andrej Joukov, Schauspieler, erfolgreicher Absolvent der Hochschule in Jaroslavl/Russland, erweiterten ihr Repertoire mit der Premiere ihrer ersten gemeinsamen abendfüllenden Inszenierung. Ihre Wahl fiel auf die 1927 geschriebene Groteske „Elisaveta Barn” des russichen Dichters und Schriftstellers Daniil Charms, die sie unter dem deutschen Titel „Die Sünderin” für besonders geeignet hielten, um mit Schauspiel und Figurentheater eine Reise durch die verschiedenen Formen des Theaters, die sich während des vergangenen Jahrhunderts entwickelt haben, darstellen zu können. Dabei sollte ein hintergründiger und feinsinniger und manchmal auch unsinniger Humor nicht fehlen. Nun war es soweit. Wir waren eingeladen, nahmen in der dritten Reihe des kleinen Kasseler Figurentheaters Platz, betrachteten als alte Puppenspieler erstmal aus geringer Entfernung das etwa auf Schulterhöhe auf einem schmalen Podest aufgestellte Minitheater. Erinnerungen an meine Kinderzeit wurden wach an die kleinen Papiertheater, die sich Familien aus bunten Modellierbögen der Firma Gustav Kühn in Neuruppin aufbauten, die es seit dem ersten Weltkrieg und dem Beginn des Radiozeitalters leider nicht mehr gab. Wir rätselten, was es da nun wohl geben würde.
Da erscheint in festlicher Kleidung, weißem Galahemd, schwarzer Fliege und Cut sogar der Soloakteur mit einem Stapel weißer Papierblätter, anscheinend dem Konzept einer Festrede, die aus seinen Händen auf den Boden fallen. Die Zuschauer in der ersten Sitzreihe wollen zugreifen, um zu helfen, aber dazu kommt es gar nicht. Ein freundliches Danken zum Publikum, und der erste Kontakt ist hergestellt.
Er öffnet den Bühnenvorhang, baut aus großen dreidimensionalen Teilen die erste Bühnendekoration auf und nimmt die etwa 10 cm kleinen, von ihm aus Holz geschnitzten Figuren, mit beweglichen Beinen und Armen versehen, in die Hand. Sie werden zum Teil mit einem dünnen Metallstab geführt, er kann sie auch in seiner flachen Hand tanzen lassen. Im Raum des Kasseler Figurentheaters mit seinen nur 75 Plätzen sind sie nicht nur ausreichend gut zu sehen, sondern, es ist kaum zu glauben, man vermutet, fast eine Mimik zu erkennen, sobald sie bewegt werden.
Der Akteur ist nicht nur ein ausgezeichneter Puppenspieler, sondern ein Schauspieler, der sein Fach bestens beherrscht und nun sein Vorhaben beginnt, in 19 unterschiedlichen Bühnenbildern die klassischen Formen des Theaters von der Komödie über das Melodram, die Oper usw. des vergangenen Jahrhunderts humorvoll und in skurriler Komik zu demonstrieren. Darum geht es: Die Sünderin ist eigentlich gar nicht mehr so sehr der Mittelpunkt des Geschehens, sondern eher das kleine Theaterchen, das haargenau die Gegebenheiten des großen Theaters mit Beleuchtung, Kulissen und sogar einer Drehbühne zur Verfügung hat und auch nützt. Musik und Opergesang, alles von einem einzigen Akteur meisterhaft bewältigt, und die Technik kommen nicht zu kurz. Mit dieser heiter gebotenen Reise durch das Theater des vorigen Jahrhunderts wird der Beweis erbracht, daß Heiterkeit und vielleicht auch mal ein bischen Zauberei dem Publikum immer noch ein ästhetisches Vergnügen bereiten, wenn es von Könnern gemacht wird. Dies besonders in einer Zeit, zu der die heutigen Medien uns mit realistisch bezogenen Darbietungen und Meldungen überfüttern.
Aus der Resonanz dieser gelungenen Inszenierung möchte ich schließen, daß gerade besonders die vielen kleinen Theaterchen, die sich überall in unserem Lande aufgetan haben, gern zugreifen und zu sich einladen werden. Und jene Festivalveranstalter in unserem Lande, die sich Jahr für Jahr bemühen, ihrem Publikum die besten Produktionen zu bieten, werden sich um dieses „theater en miniature” bemühen müssen, wenn sie aktuell sein wollen. Wir haben die Premiere genossen und meinen, es ist auch eine Reise wert, diesen Genuß nicht zu versäumen.
Fritz Leese, Ehrenmitglied im Verband Deutsche Puppentheater e.V.
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